Wie gelingt echte Teilhabe im Sport? Welche Verantwortung tragen Politik, Wissenschaft, Hochschulen und Sportvereine? Und welche Chancen bieten Olympische und Paralympische Spiele für eine inklusive Gesellschaft?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) im Rahmen des Aktionstags „Sport & Inklusion“ an der Universität Kassel. Gemeinsam diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Leistungssport und Vereinswesen darüber, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit Inklusion im Sport künftig noch selbstverständlicher gelebt werden kann.
Durch die Diskussion führte Pascal Scheffel (Projektmanager des Projekts „Inklusionsmobil – Sport vereint“), der mit gezielten Impulsen und der Einbindung des Publikums für einen abwechslungsreichen und offenen Austausch sorgte.
Auf dem Podium vertreten waren Daniel Bettermann (Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Kassel), Juliane Wolf (mehrfache Paralympics-, Welt- und Europameisterschaftsmedaillengewinnerin im Para-Tischtennis), Prof. Dr. Felix Welti (Professor für Sozial- und Gesundheitsrecht sowie Recht der Rehabilitation und Behinderung an der Universität Kassel), Niklas Butzmann (Leitung Inklusion & Soziales der ACT Kassel), sowie Eike Gloth (Sportlehramtsstudent der Universität Kassel) .
Olympische und Paralympische Spiele als Impulsgeber
Zu Beginn der Diskussion stand die Frage im Mittelpunkt, welche Auswirkungen eine mögliche deutsche Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele, beispielsweise im Jahr 2036, auf den Sport in Deutschland haben könnte.
Schnell wurde deutlich, dass die Spiele weit mehr sein können als ein sportliches Großereignis. Sie bieten die Chance, nachhaltige Investitionen anzustoßen und den organisierten Sport langfristig zu stärken.
Daniel Bettermann machte deutlich, dass ohnehin erhebliche Investitionen in die deutsche Sportstätteninfrastruktur notwendig seien. Viele Hallen und Sportanlagen müssten in den kommenden Jahren modernisiert werden. Gleichzeitig fehlten den Kommunen häufig die finanziellen Mittel, um diese Maßnahmen eigenständig umzusetzen.
Prof. Dr. Felix Welti erinnerte daran, dass die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung bereits seit 1994 im Grundgesetz verankert ist. Dennoch seien zahlreiche Sportstätten bis heute nicht barrierefrei. Eine mögliche Austragung Olympischer und Paralympischer Spiele könne dazu beitragen, notwendige Investitionen in moderne und barrierefreie Sportanlagen zu beschleunigen.
Auch aus Sicht der ACT Kassel bieten Olympische und Paralympische Spiele großes Potenzial. Niklas Butzmann betonte, dass die Spiele nicht nur ein Schaufenster des Spitzensports seien, sondern insbesondere den Breiten- und Nachwuchssport nachhaltig stärken könnten.
Inklusion beginnt im Alltag
Im zweiten Themenblock rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie das Recht auf Teilhabe im Sport im Alltag umgesetzt werden kann.
Prof. Dr. Felix Welti erläuterte die rechtlichen Grundlagen und machte deutlich, dass weniger neue Gesetze als vielmehr deren konsequente Umsetzung erforderlich seien. Daniel Bettermann unterstrich die Verantwortung von Politik und Kommunen, Sportvereine durch geeignete Förderprogramme und verlässliche Rahmenbedingungen zu unterstützen.
Aus Sicht der Vereinsarbeit schilderte Niklas Butzmann die Erfahrungen der ACT Kassel. Inklusion sei kein einzelnes Projekt, sondern ein langfristiger Entwicklungsprozess, der engagierte Menschen, verlässliche Strukturen und ausreichende finanzielle Ressourcen benötige. Viele Vereine seien bereit, inklusive Angebote auszubauen, stießen dabei jedoch häufig an personelle und finanzielle Grenzen.
Einen besonders persönlichen Einblick gab Juliane Wolf. Die mehrfache Medaillengewinnerin berichtete von ihrem eigenen Weg in den Sport. In ihrem Heimatort habe es zunächst kein passendes Angebot gegeben und ihre Familie habe lange dafür kämpfen müssen, dass sie überhaupt in einer Mannschaft mitspielen durfte.
Heute zählt Wolf zu den erfolgreichsten deutschen Para-Tischtennisspielerinnen. Zwar habe sich die Sichtbarkeit des Parasports in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, dennoch bestehe weiterhin Nachholbedarf.
Inklusion als fester Bestandteil der Ausbildung
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Ausbildung zukünftiger Sportlehrkräfte. Gemeinsam wurde darüber gesprochen, wie Hochschulen angehende Lehrerinnen und Lehrer besser auf inklusiven Sportunterricht vorbereiten können.
Dabei wurde deutlich, dass praktische Erfahrungen und regelmäßige Berührungspunkte mit inklusiven Sportgruppen bereits während des Studiums eine entscheidende Rolle spielen. Ziel müsse es sein, Inklusion selbstverständlich in der Ausbildung zu verankern.
Ehrenamt bleibt unverzichtbar
Zum Abschluss der Podiumsdiskussion stand die Bedeutung des Ehrenamts im Mittelpunkt.
Alle Beteiligten waren sich einig, dass Sportvereine ohne das Engagement freiwilliger Helferinnen und Helfer nicht funktionieren würden, insbesondere im Bereich inklusiver Angebote.
Niklas Butzmann machte deutlich, dass es gelingen müsse, Menschen langfristig für ehrenamtliches Engagement zu begeistern und gleichzeitig die Rahmenbedingungen für Vereine weiter zu verbessern. Auch Daniel Bettermann sprach sich für eine stärkere politische Unterstützung des Ehrenamts aus.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Für die ACT Kassel bot die Podiumsdiskussion die Möglichkeit, die Perspektive eines Mehrspartenvereins einzubringen und gleichzeitig wertvolle Impulse aus Politik, Wissenschaft und Leistungssport mitzunehmen.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Inklusion nur dann nachhaltig gelingen kann, wenn Politik, Hochschulen, Verbände und Sportvereine gemeinsam Verantwortung übernehmen. Olympische und Paralympische Spiele können dabei wichtige Impulse setzen, entscheidend ist jedoch, dass diese langfristig in den Vereinen, Schulen und Kommunen ankommen.
Denn echte Teilhabe entsteht nicht allein auf der großen Bühne des Spitzensports, sondern jeden Tag dort, wo Menschen gemeinsam Sport treiben.